Kurzfassung: Enterprise Architecture gilt als Konzerndisziplin – und genau diese Wahrnehmung kostet mittelständische Unternehmen Geld. Der Bedarf entsteht nicht durch Mitarbeiterzahl, sondern durch Komplexität: 40+ Anwendungen, parallele Vorhaben, eine anstehende ERP-Ablösung oder Wachstum durch Zukäufe. Was der Mittelstand braucht, ist keine EA-Abteilung, sondern drei Artefakte, eine Teilzeitrolle und einen Entscheidungsweg. Dieser Artikel beschreibt, wie wir in Portamus-Kundenprojekten in rund 90 Tagen zu belastbarer Architekturarbeit kommen – und was wir dabei bewusst weglassen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Auslöser ist Komplexität, nicht Unternehmensgröße: ab ca. 40–50 Anwendungen oder fünf parallelen Vorhaben.
  • Drei Artefakte genügen zum Start: Anwendungsübersicht, Zielbild (18–24 Monate), Roadmap.
  • Die Rolle ist typischerweise eine 20–40-%-Aufgabe, kein neues Team.
  • TOGAF zuschneiden, nicht vollständig durchlaufen – der Standard ist dafür ausdrücklich gebaut.
  • Kein Tool zu Beginn. Tabelle plus Archi tragen die ersten 12–18 Monate.
  • Der häufigste Fehler ist der Dokumentationsstart; erfolgreich ist der Entscheidungsstart.

Warum EA im Mittelstand oft übersprungen wird

Die gängigen EA-Referenzen stammen aus Organisationen mit eigenen Architekturabteilungen, Repository-Suiten und formalen Boards. Für ein Unternehmen mit 400 Mitarbeitenden und einer IT von zwölf Personen wirkt das erkennbar überdimensioniert – und die naheliegende Schlussfolgerung lautet: „Nicht unsere Liga.“

Die Architekturentscheidungen fallen trotzdem. Sie fallen nur implizit: im Projekt, unter Zeitdruck, ohne Blick auf die Gesamtlandschaft. Die typischen Folgen sehen wir in fast jeder IT-Landschaftsanalyse im Mittelstand:

  • Funktionale Dopplungen – zwei bis vier Systeme mit überlappendem Leistungsumfang, oft aus unterschiedlichen Fachbereichen beschafft.
  • Punkt-zu-Punkt-Integration – gewachsene Schnittstellen, deren Ausfall niemand vollständig überblickt.
  • Unsichtbare End-of-Life-Risiken – Systeme ohne Herstellersupport, entdeckt beim Audit statt in der Planung.
  • Projekte ohne Vorprüfung – jede Beschaffung startet die Architekturdiskussion neu.

Diese Effekte sind nicht Ausdruck fehlender Kompetenz, sondern fehlender Instanz.

Was der Mittelstand wirklich braucht

Aus unseren Projekten hat sich ein konstantes Muster ergeben: Drei Artefakte liefern den weit überwiegenden Teil des Nutzens.

Artefakt Inhalt Aufwand initial Wirkung
Anwendungsübersicht Alle produktiven Anwendungen mit Verantwortlichem, Fachbereich, Kosten, Support-Status, führenden Datenobjekten 2–4 Wochen Redundanzen und EOL-Risiken werden sichtbar
Zielbild (18–24 Monate) Grobe Soll-Landschaft je Fachdomäne, mit klar benannten Ablösungen und Konsolidierungen 2–3 Wochen Projekte bekommen eine gemeinsame Richtung
Roadmap Sequenzierte Vorhaben mit Abhängigkeiten und Entscheidungspunkten 1–2 Wochen Investitionen werden planbar statt reaktiv

Alles Weitere – vollständiges Metamodell, Repository, formales Board, umfassende Modellierung – ist im Mittelstand optional und sollte erst folgen, wenn diese drei Artefakte gepflegt werden.

Der 90-Tage-Einstieg

So setzen wir den Einstieg typischerweise auf:

Tage 1–30: Transparenz. Anwendungsbestand aufnehmen (Interviews plus Auswertung von Verträgen, Lizenzen und Berechtigungen), je Anwendung Verantwortliche, Kosten, Support-Status und führende Datenobjekte erfassen. Bewertung nach dem TIME-Raster aus dem Applikationsportfolio-Management: Tolerate, Invest, Migrate, Eliminate.

Tage 31–60: Richtung. Zielbild je Fachdomäne auf grober Flughöhe, abgestimmt mit den Fachbereichsleitungen. Parallel fünf bis acht Architekturprinzipien formulieren – mehr trägt eine Organisation dieser Größe nicht (Details zur Ausgestaltung: EA-Governance).

Tage 61–90: Verbindlichkeit. Roadmap aus dem Delta zwischen Ist und Ziel ableiten, priorisiert nach Risiko und Wertbeitrag. Entscheidungsweg festlegen: Wer prüft Projektanträge, in welchem Rhythmus, mit welchem Ergebnisdokument? Im Mittelstand genügt meist ein monatlicher Architektur-Jour-fixe mit der IT-Leitung und zwei Fachvertretern.

Beobachtung aus der Praxis: Der Wendepunkt ist fast immer die erste Sitzung, in der ein Beschaffungsantrag mit Verweis auf das Zielbild zurückgestellt wird. Ab da ist Architektur kein Dokument mehr, sondern eine Instanz.

TOGAF zuschneiden statt abarbeiten

TOGAF ist ausdrücklich anpassbar – die ADM soll auf Größe und Reifegrad zugeschnitten werden. Für den Mittelstand nutzen wir üblicherweise:

TOGAF-Element Im Mittelstand Warum
Architekturprinzipien (Preliminary) Ja, 5–8 Stück Höchste Wirkung pro Aufwand
Phase A – Vision Ja, verkürzt Scope und Stakeholder klären
Phasen B–D – Zielarchitektur Ja, grobe Flughöhe Zielbild je Domäne, kein Detailmodell
Phasen E/F – Roadmap Ja Der eigentliche Managementnutzen
Phase G – Umsetzungs-Governance Leichtgewichtig Jour-fixe statt Board
Phase H – Änderungsmanagement Später Erst sinnvoll bei gepflegtem Bestand
Vollständiges Content Framework Nein Aufwand ohne Adressat

Diese Auswahl ist kein Kompromiss gegen den Standard, sondern seine bestimmungsgemäße Anwendung. Eine ausführliche Einordnung, wofür TOGAF steht und was die ADM leistet, finden Sie in Was ist TOGAF?.

Tooling: bewusst spät

Die Frage nach dem EA-Tool kommt in mittelständischen Projekten früh – und ist fast immer verfrüht. Unsere Empfehlung:

  • Phase 1 (0–12 Monate): gepflegte Tabelle für den Anwendungsbestand, ArchiMate-Modelle im kostenlosen Werkzeug Archi, Dokumente im vorhandenen Ablagesystem.
  • Phase 2 (ab ca. 12–18 Monaten): EA-Repository erwägen, wenn mehrere Personen gleichzeitig pflegen, Abhängigkeiten automatisiert ausgewertet werden sollen oder der Bestand dreistellig wird.

Ein Tool erzeugt keine Architekturarbeit; es skaliert vorhandene. Wo noch keine Pflegeroutine existiert, wird aus der Lizenz eine weitere verwaiste Datenbank.

Nutzen belegen

Die Geschäftsführung entscheidet nicht über Modelle, sondern über Wirkung. Belastbar sind:

  • Vermiedene Parallelanschaffungen – die Anwendungsübersicht zeigt vor der Beschaffung, dass die Funktion bereits lizenziert ist.
  • Gekündigte Redundanzlizenzen – in unseren Projekten regelmäßig der erste messbare Effekt.
  • Verkürzte Vorprüfung von Projektanträgen, weil Zielbild und Prinzipien vorliegen.
  • Sichtbare EOL- und Support-Risiken, bevor sie zum Notfall werden.
  • Geringerer Integrationsaufwand, wenn führende Datenobjekte einmal geklärt sind.

Ein einseitiges Landschaftsbild mit farblich markierten Risiken wirkt in der Geschäftsführung erfahrungsgemäß stärker als jedes vollständige Repository.

Typische Fehler

  • Mit der Dokumentation beginnen. Vollständige Ist-Aufnahme vor dem ersten Nutzen verbrennt Aufmerksamkeit.
  • Konzernvorlagen kopieren. Rollenmodelle für 80 Architekten funktionieren mit 1,5 Personen nicht.
  • Tool vor Routine. Die Lizenz ersetzt keine Pflegeverantwortung.
  • EA ohne Mandat. Ohne geschützte Zeit und Rückendeckung der Geschäftsführung gewinnt jedes Projekt gegen die Architektur.
  • Zu viele Prinzipien. Fünf bis acht sind im Mittelstand die realistische Obergrenze.
  • Kein Anlass zur Aktualisierung. Ohne Kopplung an Beschaffung oder Change veraltet die Übersicht binnen Monaten.

Häufige Fragen zu Enterprise Architecture im Mittelstand

Lohnt sich Enterprise Architecture im Mittelstand? Ja, in angepasster Ausprägung: Anwendungsübersicht, Zielbild für 18–24 Monate und eine verbindliche Entscheidungsinstanz. Diese drei Bausteine sind mit einer Teilzeitrolle erreichbar.

Ab welcher Unternehmensgröße braucht man Enterprise Architecture? Auslöser ist Komplexität, nicht Größe: mehr als ca. 40–50 Anwendungen, mehr als fünf parallele Vorhaben, eine Kernsystem-Ablösung, Zukäufe oder eine Cloud-Migration.

Braucht der Mittelstand TOGAF? Als Baukasten ja, als vollständigen ADM-Durchlauf nein. Wir nutzen Prinzipien, eine verkürzte Phase A, grobe Zielbilder und die Roadmap.

Wer übernimmt die EA-Rolle? Meist eine bestehende Person mit 20–40 % ihrer Zeit – IT-Leitung, erfahrene Anwendungsverantwortliche oder Lead Developer. Entscheidend sind Mandat und geschützte Zeit.

Welches Tool braucht man? Zu Beginn keines, das Geld kostet: Tabelle plus Archi decken die ersten 12–18 Monate ab.

Was kostet der Einstieg? Ein abgegrenztes Vorhaben von wenigen Wochen für Bestandsaufnahme, Bewertung, Zielbild und Roadmap; danach 20–40 % einer Stelle laufend.

Was ist der häufigste Fehler? Mit der Dokumentation statt mit einer anstehenden Entscheidung zu beginnen.

Wie zeigt man der Geschäftsführung den Nutzen? Über vermiedene Parallelanschaffungen, gekündigte Redundanzlizenzen, verkürzte Vorprüfungen und sichtbar gemachte EOL-Risiken.

Fazit

Enterprise Architecture im Mittelstand funktioniert – aber nur in zugeschnittener Form. Drei Artefakte, eine Teilzeitrolle mit Mandat, fünf bis acht Prinzipien und ein monatlicher Entscheidungstermin schlagen jedes Konzernmodell, das an fehlender Kapazität scheitert. Unsere Erfahrung aus Portamus-Projekten: Der Unterschied zwischen erfolgreicher und versandeter Architekturarbeit liegt nicht im Reifegrad der Methode, sondern darin, ob die Architektur an eine echte, anstehende Entscheidung gekoppelt wurde.

Sie stehen vor ERP-Ablösung, Cloud-Migration oder Zukauf – und wollen die Architektur vorher klären? Wir bringen Sie in wenigen Wochen zu Übersicht, Zielbild und Roadmap. → Portamus Enterprise-Architecture-Beratung entdecken

Quellen

  • The Open Group: TOGAF Standard, 10th Edition – Architecture Development Method, Tailoring (2022)
  • The Open Group: ArchiMate 3.2 Specification (2022)