Kurzfassung: ArchiMate ist die offene Standard-Modellierungssprache für Enterprise Architecture, gepflegt von The Open Group (aktuell Version 3.2, 2022). Sie liefert eine einheitliche Notation, um Geschäft, Anwendungen und Technologie in einem zusammenhängenden Modell abzubilden – statt in unverbundenen Visio-Folien. Während TOGAF beschreibt, wie man Architekturarbeit betreibt, beschreibt ArchiMate, womit man die Ergebnisse darstellt. Dieser Artikel erklärt Layer, Elemente, Beziehungen und Viewpoints – und zeigt aus unserer Erfahrung in Portamus-Kundenprojekten, wie man ArchiMate einführt, ohne im Modell zu ertrinken.

Das Wichtigste in Kürze

  • ArchiMate ist eine Sprache, kein Prozess und kein Werkzeug – der offene Standard von The Open Group.
  • Der Kern besteht aus drei Layern: Business, Application, Technology, ergänzt um Strategy, Physical, Implementation & Migration und den querliegenden Motivation-Aspekt.
  • Jedes Element gehört zu einem von drei Aspekten: aktive Struktur (wer/was handelt), Verhalten (was passiert) und passive Struktur (woran gehandelt wird).
  • Viewpoints sind der eigentliche Wert: zielgruppengerechte Sichten auf ein gemeinsames Modell – konform zu ISO/IEC/IEEE 42010.
  • ArchiMate ergänzt TOGAF; die Frage „TOGAF oder ArchiMate?“ ist falsch gestellt (siehe TOGAF vs. ArchiMate).
  • Der häufigste Fehlschlag ist nicht zu wenig Notation, sondern zu viel Modell: Umfang schlägt Nutzen.

Was ist ArchiMate?

ArchiMate ist eine standardisierte Modellierungssprache für Unternehmensarchitektur. Sie definiert einen festen Wortschatz aus Elementen (z. B. Geschäftsprozess, Anwendungskomponente, Knoten) und Beziehungen (z. B. „bedient“, „realisiert“, „ist zugeordnet zu“) sowie eine dazugehörige grafische Notation.

Der entscheidende Unterschied zu freiem Zeichnen: In ArchiMate hat jeder Kasten und jeder Pfeil eine definierte Bedeutung. Das klingt nach Formalismus, hat aber einen sehr praktischen Effekt – die Modelle werden auswertbar. Fragen wie „Welche Geschäftsprozesse hängen an dieser Datenbank?“ oder „Welche Fachbereiche trifft die Ablösung dieses Systems?“ lassen sich aus dem Modell beantworten, statt sie in jedem Projekt neu zu erheben.

ArchiMate entstand ab 2002 in einem niederländischen Forschungsprojekt und wurde 2008 von The Open Group als offener Standard übernommen. Die aktuelle Fassung ist ArchiMate 3.2 (Oktober 2022).

Die Layer von ArchiMate

ArchiMate ordnet die Architektur in Schichten. Die drei Kern-Layer bilden das Rückgrat; die übrigen rahmen sie ein.

Layer Modelliert Typische Elemente
Strategy Womit die Organisation langfristig Wert schafft Capability, Resource, Course of Action, Value Stream
Business Das fachliche Geschehen Business Actor, Business Role, Business Process, Business Service, Business Object
Application Die Anwendungslandschaft Application Component, Application Service, Application Interface, Data Object
Technology Die technische Basis Node, Device, System Software, Technology Service, Artifact, Communication Network
Physical Produktion und Logistik Equipment, Facility, Material, Distribution Network
Implementation & Migration Den Weg zur Ziel-Architektur Work Package, Deliverable, Plateau, Gap
Motivation (Aspekt) Das Warum hinter der Architektur Stakeholder, Driver, Assessment, Goal, Outcome, Principle, Requirement

Die Layer sind über Serving- und Realization-Beziehungen miteinander verbunden: Technologie bedient Anwendungen, Anwendungen bedienen Geschäftsprozesse. Genau diese durchgehende Kette macht Wirkungsanalysen möglich – von der Serverstilllegung bis zum betroffenen Kundenprozess.

Elemente und Aspekte: die Logik hinter der Sprache

Wer ArchiMate nur als Symbolkatalog auswendig lernt, verliert schnell den Überblick. Die Sprache hat eine erstaunlich einfache innere Logik: Jeder Layer wird durch dieselben drei Aspekte strukturiert.

  • Aktive Strukturwer oder was handelt: Business Actor, Application Component, Node.
  • Verhaltenwas geschieht: Business Process, Application Service, Technology Function.
  • Passive Strukturworan gehandelt wird: Business Object, Data Object, Artifact.

Aus dieser Matrix ergibt sich fast jedes Element von selbst. In unseren Trainings ist dieses Raster regelmäßig der Moment, in dem ArchiMate „klick“ macht: Statt 60 Symbole zu lernen, lernt man drei Fragen – Wer? Was passiert? Woran?

Beziehungen: der unterschätzte Teil

Die Beziehungen tragen in ArchiMate die eigentliche Semantik. Die wichtigsten:

Beziehung Bedeutung Typische Anwendung
Composition / Aggregation Ganzes–Teil Fachbereich besteht aus Teams
Assignment Aktive Struktur führt Verhalten aus Rolle führt Prozessschritt aus
Realization Konkretes realisiert Abstraktes Anwendungskomponente realisiert Anwendungsservice
Serving Etwas stellt einem anderen Funktionalität bereit Anwendungsservice bedient Geschäftsprozess
Access Verhalten greift auf Objekt zu Prozess liest/schreibt Geschäftsobjekt
Triggering / Flow Zeitliche Abfolge bzw. Informationsfluss Prozessschritt löst Folgeschritt aus
Influence Motivationselemente wirken aufeinander Prinzip beeinflusst Anforderung

Faustregel aus der Praxis: Wenn ein Team in Diskussionen über die richtige Beziehung stecken bleibt, ist das Modell meist zu fein. Serving und Realization tragen in realen Projekten den Großteil der Aussagekraft.

Viewpoints: warum ArchiMate mehr ist als eine Notation

Ein ArchiMate-Modell ist nicht dasselbe wie ein ArchiMate-Diagramm. Das Modell ist das Repository aller Elemente und Beziehungen; ein Diagramm ist eine View darauf – gefiltert nach dem, was eine bestimmte Zielgruppe braucht. Der Standard liefert dafür vordefinierte Viewpoints: Layered Viewpoint, Application Cooperation, Technology Usage, Goal Realization, Migration und weitere.

Dieses Prinzip – eine Architekturbeschreibung besteht aus Views, die Stakeholder-Concerns adressieren – stammt aus ISO/IEC/IEEE 42010, und ArchiMate setzt es konsequent um. Praktisch bedeutet das: Ein Modell, viele Sichten. Der CFO sieht Kosten und Capabilities, das Betriebsteam sieht Knoten und Deployments – aus derselben Datenbasis. Genau hier scheitern Visio-Landschaften: Dort existieren zehn Bilder derselben Realität, und keines stimmt mehr.

ArchiMate und TOGAF: Sprache trifft Methode

Beide Standards kommen von The Open Group und sind bewusst aufeinander abgestimmt:

  • TOGAF liefert die Methode – die ADM mit ihren Phasen A bis H.
  • ArchiMate liefert die Sprache – die Notation für die Ergebnisse dieser Phasen.

Die ADM-Phasen B, C und D (Geschäfts-, Informationssystem- und Technologiearchitektur) entsprechen fast eins zu eins den Kern-Layern von ArchiMate; Phase E/F wird über den Implementation-&-Migration-Layer mit Plateaus und Gaps abgebildet; die Motivation-Elemente decken die Vision- und Requirements-Arbeit aus Phase A und dem Requirements Management ab. Eine ausführliche Gegenüberstellung finden Sie in TOGAF vs. ArchiMate.

ArchiMate einführen: unser Vorgehen

Aus unseren EA-Design-Projekten hat sich ein pragmatisches Vorgehen bewährt:

  1. Zweck vor Notation. Welche drei Entscheidungen sollen mit dem Modell besser getroffen werden? Ohne diese Antwort entsteht Dokumentation ohne Adressat.
  2. Minimal Viable Metamodel. Wir starten mit 12–15 Elementtypen und erweitern nur bei nachgewiesenem Bedarf.
  3. Benennungskonventionen festlegen. Ein Modell scheitert häufiger an uneinheitlichen Namen als an falschen Beziehungen.
  4. Drei bis fünf Viewpoints definieren – je Zielgruppe einen, mit klarem Eigentümer.
  5. Datenquellen anbinden. Der Anwendungsbestand kommt aus dem Applikationsportfolio-Management, nicht aus Handarbeit.
  6. Pflegeprozess verankern. Ein Modell ohne Aktualisierungsanlass (Change, Projektfreigabe, Architektur-Review) veraltet innerhalb von Monaten.

Häufige Fehler

  • Alles modellieren wollen. Vollständigkeit ist kein Ziel; Entscheidungsfähigkeit ist eines.
  • Tool zuerst kaufen. Erst Zweck und Metamodell, dann Werkzeug. Archi reicht für den Einstieg fast immer.
  • Diagramme statt Modell. Wer Views exportiert und danach die Elemente nicht mehr pflegt, hat lediglich teurere Visio-Bilder.
  • Keine Modell-Governance. Ohne benannte Verantwortliche und einen Pflegeanlass verwaist jedes Repository.
  • ArchiMate gegen BPMN oder UML ausspielen. Die Sprachen arbeiten auf unterschiedlichen Flughöhen und ergänzen sich.

Häufige Fragen zu ArchiMate

Was ist ArchiMate einfach erklärt? ArchiMate ist eine offene, standardisierte Modellierungssprache für Enterprise Architecture, gepflegt von The Open Group. Sie liefert eine feste Notation – Elemente, Beziehungen und Sichten –, mit der sich Geschäftsprozesse, Anwendungen und Technologie in einem einzigen, konsistenten Modell darstellen lassen. Kurz: ArchiMate ist das „Womit“ der Architekturarbeit, während TOGAF das „Wie“ beschreibt.

Welche Layer hat ArchiMate? Der Kern besteht aus drei Layern: Business Layer (Akteure, Prozesse, Services), Application Layer (Anwendungskomponenten und -services) und Technology Layer (Knoten, Geräte, Systemsoftware, Netze). Ergänzt werden sie um den Strategy Layer, den Physical Layer, den Implementation-&-Migration-Layer und den querliegenden Motivation-Aspekt.

Was ist der Unterschied zwischen ArchiMate und TOGAF? TOGAF ist eine Methode – der ADM-Zyklus, der beschreibt, wie eine Organisation Architekturarbeit betreibt. ArchiMate ist eine Modellierungssprache – die Notation, in der die Modelle entstehen. Beide stammen von The Open Group und sind aufeinander abgestimmt; sie konkurrieren nicht.

Was ist der Unterschied zwischen ArchiMate und UML oder BPMN? ArchiMate modelliert die Unternehmensarchitektur als Ganzes – bewusst grob, um Zusammenhänge sichtbar zu machen. BPMN modelliert einen einzelnen Geschäftsprozess in ausführbarem Detail. UML modelliert Softwaredesign. In der Praxis nutzt man ArchiMate für den Überblick und verlinkt an den Rändern auf BPMN- und UML-Modelle.

Welche ArchiMate-Version ist aktuell? ArchiMate 3.2, veröffentlicht von The Open Group im Oktober 2022 – eine abwärtskompatible Weiterentwicklung von ArchiMate 3.1 (2019).

Welche Tools unterstützen ArchiMate? ArchiMate ist toolneutral. Verbreitet sind das kostenlose Archi sowie kommerzielle EA-Suiten wie BiZZdesign Horizzon, SAP LeanIX, Sparx Enterprise Architect, ADOIT oder Software AG Alfabet.

Lohnt sich eine ArchiMate-Zertifizierung? Für modellierende Architektinnen und Architekten ja – sie sichert gemeinsame Notation und Semantik. Für Organisationen ist der größere Hebel eine verbindliche Modellierungskonvention.

Ist ArchiMate für den Mittelstand geeignet? Ja, sofern Sie nur einen Bruchteil der Sprache nutzen. Mittelständische Organisationen kommen in unseren Projekten typischerweise mit 12 bis 15 Elementtypen und wenigen Viewpoints aus.

Fazit

ArchiMate ist die gemeinsame Sprache der Unternehmensarchitektur: standardisiert, toolneutral, auf TOGAF abgestimmt und über Viewpoints an den Bedarf realer Stakeholder anschlussfähig. Ihr Wert entsteht nicht durch Vollständigkeit, sondern durch Disziplin – ein bewusst kleines Metamodell, klare Konventionen und ein Pflegeprozess, der an echte Entscheidungen gekoppelt ist. Unsere durchgängige Erfahrung: Wer ArchiMate schlank einführt und ernst pflegt, bekommt in wenigen Monaten eine Architektur, die Fragen beantwortet – statt eines Archivs, das niemand öffnet.

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Quellen

  • The Open Group: ArchiMate 3.2 Specification (2022)
  • The Open Group: TOGAF Standard, 10th Edition (2022)
  • ISO/IEC/IEEE 42010:2022 – Software, systems and enterprise — Architecture description